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90 Minuten gegen Heuschnupfen. Warum eigentlich?

In der Schweiz bekommt ein Heuschnupfen-Patient gerne mal das volle Programm: Akupunktur, Tuina, Schröpfen, Wärmelampe, eineinhalb Stunden. In Korea: zwanzig Minuten Nadeln, nächster bitte. Einer von beiden verrechnet sich.

Von Simon Hwang · 6 Min. · · 아야

Fangen wir mit der Szene an, die jeder in dieser Branche kennt und niemand laut kommentiert. Ein Patient kommt mit saisonalem Heuschnupfen. Laufende Nase, juckende Augen, das Übliche. Was er bekommt: neunzig Minuten. Ausführliches Vorgespräch, Akupunktur, dann noch Tuina, dann noch Schröpfen, vielleicht Moxa obendrauf, weil der Rücken ja auch gerade da liegt.

Klingt nach Rundum-Betreuung. Ist es manchmal auch. Aber öfter, als uns lieb ist, ist es etwas anderes: die Behandlung einer leeren Agenda.

Die Rechnung hinter der Rechnung

Sprechen wir es aus. Wer drei Patienten pro Tag hat, muss aus drei Patienten das Maximum holen. Neunzig Minuten mit vier Methoden ergeben eine stattliche Rechnung an die Zusatzversicherung, und der Tag sieht im Kalender voll aus, obwohl er leer ist. Die Methode wählt nicht die Diagnose. Die Methode wählt die Auslastung.

In Korea läuft derselbe Fall so: rein, Kurzcheck, zwanzig Minuten Nadeln an den bewährten Punkten, raus. Nicht weil koreanische Praktiker oberflächlicher wären. Sondern weil ein Haniwon mit vollem Wartezimmer keinen einzigen Grund hat, aus einem 20-Minuten-Fall einen 90-Minuten-Fall zu machen. Volle Agenden erzeugen ehrliche Behandlungszeiten. Leere Agenden erzeugen kreative.

Und bevor die Branche jetzt nach Luft schnappt: Ja, es gibt Fälle, die 90 Minuten verdienen. Komplexe chronische Bilder, Erstanamnesen, multimorbide Patienten. Wir behandeln solche Fälle täglich, und dort sind lange Termine kein Luxus, sondern Handwerk. Der Punkt ist nicht, dass lang immer falsch ist. Der Punkt ist, dass die Länge zur Diagnose passen muss und nicht zur Kassenlage der Praxis.

Was der Patient davon hat: weniger, als er denkt

Die unangenehme Wahrheit für Patienten: Mehr Methoden pro Sitzung heisst nicht mehr Wirkung. Bei einem klaren, umschriebenen Bild wie saisonalem Heuschnupfen trägt die Akupunktur die Evidenz. Tuina und Schröpfen obendrauf schaden nicht, aber sie addieren vor allem eines: Zeit und Kosten. Drei kurze, gezielte Sitzungen pro Woche schlagen in der Wirkung eine lange Wundertüte alle zwei Wochen. Frequenz schlägt Fülle. Das ist keine Meinung aus Seoul, das ist Dosierungslogik.

Dazu kommt der Versicherungs-Bumerang, über den diese Branche zu wenig nachdenkt: Jede aufgeblähte 90-Minuten-Rechnung für einen Schnupfen ist ein Argument mehr für Versicherer, Tarife zu kürzen und Positionen zu streichen. Wer heute das Maximum aus der Zusatzversicherung holt, sägt am Ast, auf dem übermorgen alle sitzen. Die Tarif-Diskussionen laufen bereits. Raten wir mal, welche Abrechnungsmuster dabei auf dem Tisch liegen.

Der Massstab

Unser Massstab ist simpel und steht hiermit öffentlich: So viel Behandlung wie nötig, so wenig wie möglich, so oft wie sinnvoll. Ein Heuschnupfen bekommt bei uns gezielte Akupunktur und einen Plan über die Saison, keine Wellness-Ouvertüre. Eine komplexe Migräne-Geschichte bekommt Zeit, so viel es braucht. Die Diagnose bestimmt den Termin. Nicht die Agenda.

Und damit sind wir beim eigentlichen Thema, du hast es kommen sehen: Das Problem hinter den 90 Minuten sind nicht die 90 Minuten. Es sind die leeren Agenden dahinter. Eine Praxis mit voller Agenda kann es sich leisten, ehrlich zu behandeln. Eine leere kann es sich buchstäblich nicht leisten. Deshalb reden wir hier so oft über Sichtbarkeit, Systeme und Betriebe, die Patienten bringen: nicht weil Marketing sexy ist, sondern weil Auslastung die Voraussetzung für Ehrlichkeit ist.

Zwanzig ehrliche Minuten schlagen neunzig kreative. Fragt Seoul. Oder fragt eure Zusatzversicherung, wie lange sie noch mitspielt.

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Simon Hwang