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Business · Die Obduktion · Folge 2

Das TCM-Startup ist konkurs. Die Obduktion, Folge 2.

Behandlungspods, Symptom-Scores, Online-Funnel und ein Versprechen von 95 Prozent Besserung in einem Monat: Holistiq wollte TCM wie ein Tech-Startup skalieren. Seit Juni ist die AG in Konkurs. Über den zweiten grossen Untergang der Zürcher Ganzheitsmedizin innert Kürze.

Von Simon Hwang · 8 Min. · · 아야

Nach dem Nachruf auf Oyu dachten wir, das Thema sei durch. Dann öffneten wir das Handelsregister. Am 1. Juni 2026 eröffnete das Bezirksgericht Zürich den Konkurs über die Holistiq Health Group AG, Lessingstrasse 15, Kreis 2. Zwei ambitionierte Ganzheitsmedizin-Projekte, eine Stadt, wenige Monate. Das ist kein Pech mehr. Das ist ein Muster. Also: Obduktion, Folge 2.

Zuerst, was Holistiq war, denn es war das exakte Gegenteil von Oyu. Kein Stiftungs-Tempel mit Mondinstallation, sondern ein Startup mit Playbook: "modernes TCM" in designten Behandlungspods, ein Symptom-Score, der den Behandlungsplan steuert, Vitalpilze und Kräuter im Abo-Gefühl, daneben Online-Konsultationen für Darmgesundheit, Gewichtsabnahme und Menopause. Dazu Marketing, wie es das Silicon Valley lehrt: Schliesse dich tausend zufriedenen Kunden an. 95 Prozent berichten von starker Symptomreduktion nach einem Monat. Glucose-Spike-Content auf Social Media. Chat-Widget auf jeder Seite.

Und, das gehört zur Ehrlichkeit dazu: Da arbeiteten keine Scharlatane. Im Team stand seriöse, verbandsaktive TCM-Kompetenz, Leute, die diese Branche kennen und für ihre Qualität kämpfen. Genau deshalb ist der Fall so lehrreich. Wenn gute Praktiker mit gutem Willen scheitern, liegt es am Modell.

Diagnose 1: Vertrauen lässt sich nicht growth-hacken

95 Prozent Besserung in einem Monat. Wir behandeln seit fünfzehn Jahren, und wir würden diese Zahl nicht mal über unsere beste Therapieform schreiben. Nicht, weil TCM nicht wirkt, sondern weil jeder, der Patienten kennt, weiss, was so ein Satz auslöst: Misstrauen. Gesundheit ist der Markt mit dem feinsten Bullshit-Radar der Welt. Menschen, die Schmerzen haben, googeln nicht wie Menschen, die Sneaker kaufen. Conversion-Sprache, die bei Software funktioniert, wirkt am Körper wie ein Alarmsignal. Das Startup-Playbook optimiert auf Klicks. Patienten entscheiden auf Vertrauen. Diese zwei Währungen sind nicht konvertibel.

Diagnose 2: Pods füllen keine Agenden. Menschen tun das.

Die Pods waren schön, der Score war clever, die Website war besser als neunzig Prozent der Branche. Aber Patienten kommen nicht wegen der Möbel wieder, und auch nicht wegen eines Scores. Sie kommen wegen Frau Kim. Wegen Herrn Berger. Wegen der einen Person, die ihnen zugehört und geholfen hat. Bindung entsteht am Behandler, nicht am Interface. Wer die Technologie zum Star macht und die Praktiker zur austauschbaren Ressource dahinter, baut ein Produkt ohne den einzigen Teil, der Wiederkommen erzeugt. Man kann Medizin digital unterstützen. Man kann sie nicht digital ersetzen, schon gar nicht die Beziehung, die sie trägt.

Diagnose 3: Leere Agenden, und die Therapeuten sollen sie selbst füllen

Hinter den Kulissen erzählte sich die Branche, was die schöne Website nicht zeigte: Die Agenden blieben leer. Und die Lösung, die man wählte, war die älteste Fehlkonstruktion dieser Branche, nur im Startup-Gewand: Therapeuten sollten ihre eigenen Patienten gleich mitbringen.

Halten wir kurz fest, was das bedeutet. Ein Unternehmen, dessen Kernversprechen Wachstum und Marketing-Kompetenz ist, delegiert die Patientenakquise an die Angestellten. Der Funnel, die Scores, die Kampagnen: alles da. Nur die Patienten sollte bitte jemand anders beschaffen, nämlich die Person im Behandlungsraum, die dafür weder Zeit noch Werbebudget noch Auftrag hat. Wer als Therapeut einen eigenen Patientenstamm besitzt, braucht keinen Arbeitgeber, der ihn danach fragt. Er braucht höchstens einen Raum. Das Inserat "bring deine Patienten mit" ist darum kein Jobangebot. Es ist ein Untermietvertrag mit Lohnabrechnung.

Und es verrät das Grundproblem: Wenn die Plattform die Agenda nicht füllt, hat die Plattform keinen Wert. Genau das ist der Job des Betriebs, der einzige, der Anstellung rechtfertigt: Patienten bringen, Auslastung bauen, dem Behandler den Rücken freihalten. Wir haben dazu im Jobs-Artikel das Nötige gesagt. Wer diesen Job an die Mitarbeitenden zurückdelegiert, hat kein Personalproblem. Er hat kein Geschäftsmodell. Welche Zahlen zeigen, ob eine Agenda wirklich voll wird, haben wir nüchtern in den Praxis-Kennzahlen aufgeschrieben.

Diagnose 4: Zwei Geschäfte, wieder einmal

Auch hier, wie bei Oyu, der Spagat: online Funktionelle Medizin für die halbe Deutschschweiz, offline TCM für Zürich Kreis 2. Zwei Produkte, zwei Zielgruppen, zwei Marketinglogiken, ein kleines Team. Der Online-Funnel braucht Reichweite und verbrennt Werbegeld, die Praxis braucht lokale Dichte und Geduld. Wer beides gleichzeitig aufbaut, finanziert zwei Anläufe mit einem Budget. Wir wiederholen den Befund aus Folge 1, weil er offenbar wiederholt werden muss: Erst ein Geschäft beweisen. Dann das zweite.

Diagnose 5: Startup-Tempo trifft Medizin-Tempo

Das Härteste zum Schluss. Eine Praxis wird nicht in achtzehn Monaten gross. Vertrauen wächst mit der Geschwindigkeit von Empfehlungen, nicht von Kampagnen: Eine zufriedene Patientin erzählt es drei Freundinnen, das dauert Monate und trägt Jahre. Startup-Finanzierung denkt in Quartalen. Diese beiden Uhren laufen nie synchron, und wenn das Geld nach Quartalen tickt und die Patienten nach Jahren, gewinnt immer die Uhr, die schneller abläuft. Wir haben fünfzehn Jahre gebraucht für vierzehn Standorte. Das ist keine Bescheidenheit. Das ist die reale Taktzahl dieses Geschäfts, und wer sie unterbietet, bezahlt sie nach. Wie die ganze Kette von der Suche bis zum Folgetermin zusammenhängt: Patienten gewinnen.

Der Befund über beide Fälle

Oyu hatte zu viel Dach, Holistiq zu viel Playbook. Beide hatten Geld, Design und gute Absichten, und beiden fehlte dasselbe: der Respekt vor der Langsamkeit, mit der Gesundheit Vertrauen bildet. Die gute Nachricht, im Ernst und ohne Häme: Die Nachfrage, auf die beide gewettet haben, existiert. Sie wartet nur nicht in Funnels und nicht unter Mondinstallationen. Sie sitzt in Wartezimmern, bei Behandlerinnen, denen man glaubt. Dort, wo diese Branche schon immer gewonnen hat. Man muss es nur aushalten, dass es dauert.

Quellen

Handelsregister/SHAB via Moneyhouse: Holistiq Health Group AG in Liquidation, Konkurseröffnung 01.06.2026 · holistiq.ch und tcmzentrum.ch, Angebots- und Marketingtexte (archiviert)

Simon Hwang

Die nächste Obduktion.

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