Es gibt einen Satz, der in unserer Branche als Verkaufsargument gilt und in Wahrheit ein Warnsignal ist: «Völlig nebenwirkungsfrei.» Merk dir das als Faustregel fürs ganze Leben: Was wirkt, kann auch unerwünscht wirken, sonst wirkt es nicht. Akupunktur wirkt. Also reden wir über die Nebenwirkungen, alle, sortiert nach Häufigkeit, so wie wir es im Behandlungsraum auch tun.
Das Häufige und Harmlose zuerst, betrifft je nach Studie einen von zehn: kleine Blutergüsse an der Einstichstelle, dein Bindegewebe führt Tagebuch, nach ein paar Tagen ist die Seite gelöscht. Kurzes Ziehen oder Dumpfheit am Punkt, oft sogar erwünscht, das De-Qi-Gefühl. Müdigkeit danach, wir haben ihr einen ganzen Artikel gewidmet, sie ist Feature, nicht Bug. Selten mal ein Tropfen Blut, Nadeln sind nun mal Nadeln.
Das Seltenere, worüber man Bescheid wissen sollte: Kreislaufreaktionen bis zur Ohnmacht, fast immer bei Erstbehandlungen, nüchtern, sitzend, ängstlich, weshalb du bei uns liegst und vorher isst. Vorübergehende Erstverschlimmerung bei Schmerzpatienten, ein bis zwei Tage, dann kippt es meist ins Bessere. Lokale Reizungen beim Schröpfen und Gua Sha, die berühmten Kreise und Striemen, geplant und vergänglich.
Und das Ernste, weil Ehrlichkeit auch hier gilt: Die gefürchtetste Komplikation ist der Pneumothorax, eine verletzte Lunge durch zu tiefe Nadelung am Brustkorb. Er ist in seriösen Erhebungen extrem selten, grosse Sicherheitsstudien mit Millionen Behandlungen zählen ihn in Einzelfällen pro hunderttausend, und er ist fast ausschliesslich ein Ausbildungsproblem: Wer Anatomie kann, nadelt dort flach oder gar nicht. Infektionen sind dank Einwegnadeln, die überall Standard sein müssen, eine Rarität; frag trotzdem, ob sie es sind, die Antwort dauert eine Sekunde. Und es gibt Situationen, in denen bestimmte Punkte oder Methoden tabu sind, Blutverdünner, Schwangerschaft, Herzschrittmacher bei Elektroakupunktur, weshalb die Anamnese kein Papierkram ist, sondern deine Sicherheitsausrüstung.
Die Einordnung zum Schluss, mit Zahlen: Die grossen Übersichtsarbeiten stufen Akupunktur durch qualifizierte Hände als eine der sichersten wirksamen Schmerzbehandlungen überhaupt ein, sicherer als die Dauereinnahme gängiger Schmerzmittel, deren Nebenwirkungslisten Beipackzettel füllen. Das Risiko sitzt fast nie in der Methode, es sitzt in unqualifizierten Händen, und woran du die erkennst, haben wir im Titel-Artikel aufgeschrieben. Kurz: Hab Respekt, keine Angst, und stell im Zweifel genau eine Frage: «Wie ist Ihre Ausbildung, und verwenden Sie Einwegnadeln?» Wer da zögert, hat deine Antwort schon gegeben.