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Der Titel, den jeder tragen darf.

Vier Jahre Ausbildung, Höhere Fachprüfung, kantonale Bewilligung. Oder: ein Wochenendkurs und ein Schild am Briefkasten. Beides nennt sich am Markt TCM-Therapeut, und die Branche schaut zu. Über das Titel-Problem, das alle kennen und niemand anfasst.

Von Simon Hwang · 6 Min. · · 아야

Machen wir ein Gedankenexperiment. Jemand besucht einen Wochenendkurs «Akupressur und Meridianlehre», druckt Visitenkarten mit «TCM-Therapeut» und eröffnet. Was passiert? In vielen Fällen: nichts. Denn geschützt ist in der Schweiz der Titel «Naturheilpraktiker:in mit eidgenössischem Diplom», die lange Form, das Berufsbild dahinter. Die griffigen Kurzformen dagegen, TCM-Therapeut, Akupunkteurin, TCM-Praxis, bewegen sich je nach Kanton in Grauzonen, die gross genug sind, um ein Geschäftsmodell darin zu parkieren.

Das Resultat besichtigt man in jeder Stadt: Türschilder, die identisch aussehen und Welten trennen. Hier die Kollegin mit vier Jahren Ausbildung, siebenhundert Stunden Medizin-Grundlagen, M7-Mentorat, Höherer Fachprüfung, kantonaler Bewilligung und laufender Fortbildungspflicht. Daneben der Anbieter, dessen gesamte Qualifikation in einen Prospekt passt. Der Patient sieht: zweimal Nadeln, zweimal asiatische Schriftzeichen, einmal günstiger. Rate, wohin die Preissensiblen gehen.

Wer zahlt dafür? Zuerst die seriös Ausgebildeten, deren Investition entwertet wird, wenn der Titel nichts filtert. Dann die Patienten, die Qualität nicht erkennen können und im schlechten Fall bei jemandem liegen, der Kontraindikationen für ein Fremdwort hält. Und am Ende die ganze Disziplin, denn jeder Pfusch-Fall in den Medien trägt nie den Zusatz «vom Wochenendkurs-Anbieter», sondern nur drei Buchstaben: TCM. Die Rechnung geht an alle.

Die ehrliche Gegenfrage gehört dazu: Warum duldet die Branche das? Teils, weil Titelschutz Bundes- und Kantonsjuristerei ist, zäh und teuer. Teils, weil Verbände Mitglieder aller Ausbildungsstufen vertreten und sich mit harten Linien selbst ins Fleisch schneiden. Und teils aus dem alten Reflex, bloss nicht übereinander zu reden. Wir halten dagegen: Eine Branche, die ihre eigene Qualitätsgrenze nicht zieht, überlässt das Ziehen den Versicherern und den Schlagzeilen, und beide ziehen sie gnadenloser.

Bis der Titel schützt, was er verspricht, bleibt dem Patienten eine Frage, die alles klärt: «Haben Sie das eidgenössische Diplom, und sind Sie EMR- oder ASCA-registriert?» Zwei Sekunden, klare Antwort oder Themawechsel. Seriöse Praktiker zeigen die Urkunde gern, sie hing teuer genug.

Simon Hwang Gründer, TCM.CH Kliniken · Aufgewachsen zwischen Moxa und Ostschweiz · Zürich — Seoul