Mach den Test. Öffne ein Schweizer Jobportal und such nach TCM-Therapeut. Nimm dir Zeit, es dauert nicht lange. An einem durchschnittlichen Tag findest du landesweit weniger als zehn Angebote. Zum Vergleich: Physiotherapie liefert dir hunderte Treffer, Pflege tausende.
Und jetzt lies die wenigen Inserate, die es gibt. Da steht dann: mindestens zehn Jahre Berufserfahrung. Ausbildung in China, gerne Universitätsabschluss aus Chengdu oder Nanjing. Chinesisch als Muttersprache von Vorteil. Lohn: Verhandlungssache, was übersetzt heisst: wenig. Patientenstamm: bringst du am besten gleich selbst mit. Wie das im Startup-Gewand aussieht: Folge 2 der Obduktion →
Wer soll das sein? Die frisch diplomierte Absolventin einer Schweizer Schule, die gerade 50'000 Franken und vier Jahre investiert hat, ist es jedenfalls nicht. Für sie gibt es: nichts. Keine Juniorstellen, keine Assistenzmodelle, keinen Einstieg. Eine Branche, die jedes Jahr Nachwuchs ausbildet und ihm dann die Tür zeigt.
Warum der Markt so aussieht
Die unbequeme Erklärung zuerst: Die Anforderungsprofile sind kein Zufall und keine Bosheit. Sie sind das Symptom eines Geschäftsmodells, das keine Angestellten tragen kann.
Die typische TCM-Praxis in der Schweiz ist ein Einzelunternehmen. Eine Behandlerin, ein Raum, vielleicht zwölf Patienten pro Woche. Dieses Modell erwirtschaftet keinen Lohn für eine zweite Person, geschweige denn die Geduld, jemanden zwei Jahre lang aufzubauen. Wer trotzdem einstellt, braucht jemanden, der vom ersten Tag an voll fakturiert. Daher die zehn Jahre Erfahrung. Daher der Wunsch nach fertigen Senior-Praktikern aus China, die man über Agenturen rekrutiert, mit Visum, Vertrag und einer Verhandlungsposition, die man höflich als schwach bezeichnen muss. Tiefe Löhne sind in dieser Konstellation kein Betriebsunfall. Sie sind einkalkuliert.
Das Ergebnis ist ein Arbeitsmarkt, der keiner ist: oben ein dünner Import-Kanal für Erfahrene, unten eine wachsende Schicht Absolventen ohne Einstieg, und dazwischen nichts. Wer neu ist, hat genau eine Option: sofort die eigene Praxis. Ohne Patientenstamm, ohne Betriebswissen, neben dem Brotjob. Wie das ausgeht, haben wir im Artikel über die Ausbildungskosten vorgerechnet: zu oft in fünf Jahren Teilzeit-Nebenjob und einer Agenda, die nie voll wird.
Und so füttert sich das System selbst. Weil es keine Anstellungen gibt, bleiben alle Einzelkämpfer. Weil alle Einzelkämpfer bleiben, kann niemand anstellen. Die Branche wundert sich über Nachwuchsmangel, während sie den Nachwuchs strukturell aussperrt.
Was das kostet
Nicht nur individuelle Karrieren. Die Branche verliert ihre besten Leute an Berufe, die Einstiege anbieten, und ihre Glaubwürdigkeit an Inserate, die aussehen wie aus einer anderen Zeit. Eine Disziplin, die jung, evidenznah und selbstbewusst auftreten will, kann sich keinen Arbeitsmarkt leisten, der Berufseinsteigern faktisch sagt: Du bist hier falsch.
Und ja, auch die Patientenversorgung zahlt mit. Nachfrage nach seriöser TCM gibt es genug. Was fehlt, sind Strukturen, in denen Praktiker angestellt, eingearbeitet, supervidiert und anständig bezahlt arbeiten. Also genau das, was in jeder anderen Gesundheitsdisziplin selbstverständlich ist.
Was sich ändern muss
Wir sagen das mit der Transparenz, die hier Hausregel ist: Wir sind Partei. Wir stellen an, wir bilden aus, wir bauen genau diese Strukturen, und natürlich schreiben wir auch deshalb diesen Artikel. Unser Interesse liegt offen auf dem Tisch.
Aber die Diagnose bleibt richtig, egal wer sie stellt. Diese Branche braucht Anstellungsmodelle mit echten Löhnen. Einstiegswege für Absolventen, vom Mentorat bis zur Festanstellung. Betriebe, die gross genug sind, um jemanden aufzubauen, statt ihn fertig einzukaufen. Und Inserate, in denen Anforderungen stehen, die ein Mensch nach Schweizer Ausbildung erfüllen kann.
Zehn offene Stellen für eine ganze Branche sind kein Stellenmarkt. Sie sind ein Armutszeugnis. Wer das ändern will, weiss, wo unsere vierzehn Türen sind. Eine fünfzehnte ist übrigens in Arbeit.