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Insights · Ausgabe 01

Der Placebo-Artikel, den sich niemand traut.

Es gibt ein Wort, das man in unserer Branche nicht laut sagt. Wir sagen es jetzt trotzdem. Und erklären, warum es uns nicht umbringt, sondern besser macht.

Von Simon Hwang · 6 Min. Lesezeit · · 아야

Placebo.

So. Steht jetzt da.

In den meisten TCM-Praxen ist das Wort ein Angriff. Wer es ausspricht, will uns angeblich zerstören, gehört zur Pharma-Lobby oder hat «das System nicht verstanden». Wir sehen das anders. Wer bei diesem Wort zusammenzuckt, hat seiner eigenen Medizin nie richtig zugehört.

Ist Akupunktur nur Placebo?

Also, die unbequeme Wahrheit zuerst: Ja, ein Teil dessen, was in unseren Behandlungsräumen wirkt, ist Kontext. Die Ruhe. Die Erwartung. Eine Stunde, in der dir jemand zuhört, statt nach sieben Minuten das Rezept zu drucken. Das Ritual aus Nadeln, Wärme und Aufmerksamkeit. Die Forschung nennt das Kontexteffekte, und sie sind bei jeder Therapie im Spiel. Auch beim Hausarzt. Auch im Spital. Auch bei der Physio. Der Unterschied ist nur: Dort redet niemand darüber.

Was die Studien wirklich zeigen

Jetzt der Teil, den die Skeptiker ungern hören: Placebo erklärt nicht alles. Die grossen Meta-Analysen zur Akupunktur bei chronischen Schmerzen, allen voran die Arbeiten der Acupuncture Trialists' Collaboration mit Daten von über 20'000 Patienten, zeigen einen Effekt, der über Scheinakupunktur hinausgeht. Nicht riesig. Aber messbar, reproduzierbar, klinisch relevant. Bei chronischen Rücken- und Nackenschmerzen, bei Kniearthrose, bei Spannungskopfschmerz. Das ist keine Meinung. Das ist Studienlage.

«Wer bei diesem Wort zusammenzuckt, hat seiner eigenen Medizin nie richtig zugehört.»

Und dazwischen liegt das, was unsere Branche seit Jahrzehnten verschenkt: die ehrliche Position. Sie lautet nicht «alles Energie» und nicht «alles Einbildung». Sie lautet: Akupunktur wirkt bei bestimmten Beschwerden nachweislich, ein Teil der Wirkung läuft über den Körper, ein Teil über den Kontext, und beides zusammen ist der Grund, warum Patienten wiederkommen.

Warum sagen wir das öffentlich, obwohl es uns Umsatz kosten könnte?

Weil das Gegenteil teurer ist. Jedes Mal, wenn jemand aus unserer Branche Ohrkerzen verkauft, Detox-Pflaster empfiehlt oder verspricht, mit fünf Nadeln eine Schilddrüse zu heilen, zahlt die ganze Branche. Der Patient, der einmal Bullshit gekauft hat, glaubt uns auch das nicht mehr, was stimmt. Unsere Glaubwürdigkeit ist unser einziges Kapital. Und Glaubwürdigkeit entsteht nicht, wenn man nur erzählt, was wirkt. Sie entsteht, wenn man auch sagt, was nicht wirkt.

Was Akupunktur kann. Und was nicht

«Glaubwürdigkeit entsteht nicht, wenn man nur erzählt, was wirkt.»

Warum wir das öffentlich sagen

Bleibt die Frage, die uns Kollegen hinter vorgehaltener Hand stellen: Warum zerlegt ihr die eigene Branche im eigenen Magazin?

Weil sie es verdient hat. Beides. Die Kritik und die Verteidigung. Traditionelle chinesische Medizin ist zweitausend Jahre klinische Beobachtung, verpackt in eine Sprache, die vor der modernen Physiologie entstand. Man kann diese Sprache respektieren, ohne sie wörtlich zu nehmen. Man kann Meridiane als historisches Modell begreifen und trotzdem präzise nadeln. Man kann Qi sagen und Durchblutung, Nervenreizung und Muskeltonus meinen. Die Übersetzung ins Heute ist keine Verwässerung. Sie ist der einzige Weg, wie diese Medizin die nächsten zweihundert Jahre erlebt.

In Seoul haben sie das verstanden. Dort sitzt traditionelle Medizin in versicherten Kliniken mit digitaler Diagnostik und forscht an ihren eigenen Grundlagen, statt sie zu beschwören. Hier sitzt sie zu oft hinter Bambusfoto-Tapeten und wartet, dass die Welt von selbst wieder an sie glaubt.

Wird sie nicht.

Also machen wir es so: Wir sagen, was wirkt. Wir sagen, was nicht wirkt. Wir sagen, wo wir es nicht wissen. Das ist der ganze Trick. Er ist unbequem, er ist selten, und er ist der Grund, warum du diesem Magazin mehr glauben kannst als den meisten Hochglanzversprechen dieser Branche. Wer das an einem unserer vierzehn Standorte erleben will: Wir behandeln genau so, wie wir schreiben.

Placebo. Siehst du? Hat gar nicht weh getan.

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Quellen

Vickers AJ et al., Acupuncture for Chronic Pain: Update of an Individual Patient Data Meta-Analysis, The Journal of Pain, 2018. · Cochrane Review: Acupuncture for chronic nonspecific low back pain. · Vollständige Quellenliste auf tcm.ch/magazin/quellen.

Simon Hwang Gründer, TCM.CH Kliniken · Aufgewachsen zwischen Moxa und Ostschweiz · Zürich — Seoul